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Geschichte
| Stickmustertücher sind in Deutschland
und Europa seit dem 16. Jahrhundert dokumentiert. Ihre Herkunft
lässt sich nicht mehr ergründen, es gibt Beispiele aus Asien,
die bereits aus dem 9. Jahrhundert stammen. Die ersten bekannten
schriftlichen Erwähnungen stammen aus England. |
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aus: Nina Gockerell s.u.
Ältestes datiertes englisches Mustertuch, 1598.
Metalldraht, Perlen, Pailetten und
Seidenfäden auf Leinen.
Kreuzstich, Satinstich, Kettenstich,
Knopflochstich, doppelseitiger italienischer Kreuzstich, Knötchenstich
und andere.
Victoria and Albert Museum, London
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Die ersten gedruckten Musterbücher – sie wurden Modelbücher
genannt, nach denen Stickmustertücher gearbeitet wurden, erschienen
Anfang des 16. Jahrhunderts in Deutschland und fanden europaweit
Verbreitung. Das früheste bekannte Modelbuch war das von Schönsperger,
es erschien 1523 in Augsburg mit dem Titel ‚Furm- und
Modelbüchlein’. Die größte Verbreitung fand das 1597
in Nürnberg erschienene ‚Schön neues Modelbuch’
von Johann Sibmacher. Beide wurden in mehreren Auflagen gedruckt.
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Detail aus dem Titelblatt
von Johannes Sibmacher ‚Schön neues Modelbuch’
(aus: Nina Gockerell s.u.)
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Die meiner Meinung nach ausführlichste und anschaulichste
Aufarbeitung der Geschichte der Stickmustertücher findet man
in:
Nina Gockerell, Stickmustertücher,
Deutscher Kunstverlag, München 1980.
Daraus sind die Abbildungen entnommen.
Seit Jahren begeistern mich Stickmustertücher. Es gibt eine
Vielzahl von Vorlagen für wunderschöne historische Stickmustertücher.
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Stickmustertücher sind ein nicht unbedeutender
Teil unseres kulturellen Erbes und dokumentieren einen Aspekt
der Alltagskultur von Frauen und Mädchen in den zurückliegenden
Jahrhunderten. Sie dienten zum Üben, Sammeln, Merken und
Aufbewahren von Mustern, Stickarten und Alphabeten zum Zeichnen
der Wäsche und zum Verzieren von Kleidungsstücken.
Die Stickmustertücher wurden gewöhnlich von Mädchen
im Alter von neun bis fünfzehn Jahren angefertigt und von
Generation zu Generation weitergereicht, da die oben erwähnten
Modelbücher für die meisten Mädchen unerschwinglich
waren.
Die Motive der Mustertücher waren fast überall in
Europa gleich, da immer wieder von vorhandenen Stickmustertüchern
abgestickt wurde. Dennoch kann man an Gestaltung der Mustertücher,
an Größe, Format und Anordnung der Motive regionale
Besonderheiten erkennen. |
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Im 17. und auch im 18. Jahrhundert
überwiegen im deutschen Sprachraum die biblischen Motive.
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Im 18. Jahrhundert kommt der Reiz des Fremdartigen hinzu,
wie nicht nur der häufig gestickte Papagei, sondern auch
Borten und Schmuckmotive belegen, die eindeutig orientalische
Seidenstoffe und Teppiche zur Vorlage haben.
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Bis eine junge Frau in der Lage war, ein optisch ansprechendes
Tuch herzustellen, bedurfte es schon einiger Erfahrung und
Routine. Mädchen, die diese Tücher herstellten,
stammten aus dem Bürgertum, da zum einen die Zeit vorhanden
sein musste, ein solches Tuch zu erstellen und zum anderen
genügend Geld zur Verfügung stehen musste, um
die teuren Seidengarne und die feinen Leinenstoffe erwerben
zu können.
Eine ganz besondere und herausragende Stellung unter den
deutschen Mustertüchern nehmen die Vierländer
Stickmustertücher ein.
Die Vierländer Stickmustertücher
stellen im breiten Spektrum der unterschiedlichsten Stickmustertücher
eine Besonderheit dar. Vierlande ist die Bezeichnung eines
Landstrichs der Elbmarsch mit den Gemeinden Kirchwerder,
Altengamme, Neuengamme und Curslack, der seit 1868 zu Hamburg
gehört "In jenem Gebiet, (...) , ehrte man Traditionen,
verzierte seinen wertvollen Besitz sorgfältig und stellte
ihn an Höhepunkten dörflichen Lebens wie Taufe,
Hochzeit, Begräbnis gerne zur Schau. Schon in jungen
Jahren übten Mädchen mit schwarzer Seide oder
Wolle Kreuzstichmuster für die Aussteuer. Als hauptsächlichste
Motive fallen Rosettenkränze auf, sowie Lebensbäume,
bekrönte Rauten, daneben einzelne Buchstaben."
**)
Besonders war tatsächlich, dass sie fast ausschließlich
mit schwarzer Seide auf naturfarbenes Leinen gestickt wurden.
Die Blütezeit war zwischen 1770 und 1870.
Sie haben einen außergewöhnlichen Reiz durch ihre Struktur,
Dichte und graphische Prägnanz, die sie im besonderen Maße
modern erscheinen lassen.
Über die Bedeutung der Symbole
in Vierländer Stickmustertüchern:
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Die Rosette der Kreis
gilt als universelles Symbol für Ganzheit, Unendlichkeit,
Vollkommenheit und wird heute noch benutzt, im Ehering, Brautkranz,
Beerdigungskranz. |
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Die Raute einem auf einer Ecke
stehenden Quadrat fehlt die Spitze symbolisiert das weiblich-schöpferische
Prinzip: die Geburt. Sie ist auch als Vulvadarstellung das Lebenssymbol
vieler Fruchtbarkeitsgöttinnen in der Volkskunst vieler
Völker. Aus der weiblichen Raute wird das liebende
Herz. |
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Das Lebensbaumsymbol steht in den Mythen verschiedener Länder
- für den Wohnraum der Götter,
- seine Früchte nähren Götter, verstorbene
Könige und Selige und schenken Unsterblichkeit,
- für das Licht, denn er steht am östlichen
Ausgang der Welt dort wo die Sonne aufgeht,
- für Gut und Böse; die verbotenen
Früchte vom Baum der Erkenntnis hatten
den Sündenfall zur Folge,
- für das Totenreich dem Land des Lebens nach
mythischem Denken,
- für die göttliche Mutter als Lebensträger
und erneuerer.
Auch heute noch ist die tiefere Bedeutung dieses Symbols
in uns: Für Neugeborene wird ein Baum gepflanzt, die
Eiche oder die Linde bildet die Mitte des Dorfes der
Tanz um den Maibaum, das Schmücken des Christbaums, die
Trauerweide, der Freiheitsbaum. In vielen Fällen entspringt
der Lebensbaum einer Vase oder Urne (Lebensbrunnen), manchmal
auch einem Herzen, dem uralten Sinnbild für die Mutter
Erde, begleitet von Vögeln und Hirschen als Sonnentieren.
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Das Kreuz die Achse in einer
Rosette steht für die Achse der Welt",
dem Sinnbild des Christentums, der Errettung der Menschheit. |
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Diverse kleinere Motive haben auch
ihre Bedeutung: einander zugewandte Vögel Liebe,
kleine Bäumchen Lebensbaum, Engel Totenengel,
Totenvögel. |
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Die Namen der Stickerinnen
wurden sehr oft nach den Anfangsbuchstaben der ersten beiden
Silben abgekürzt, z.B.: Trin-ke Kru-se:
TRKS, Met-te Lüt-ten-see:
MTLTS. |
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Bei diesem Bild handelt
es sich um einen Stahlstich, der um 1870 entstanden ist. Die
Vorlage für den Stich war ein Gemälde, das rund 50
Jahre älter ist, also aus der Biedermeierzeit
stammt. |
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Die gesamte Komposition des Gemäldes ist typisch für
die Biedermeierzeit, die Betonung der Zweisamkeit und der
Häuslichkeit kommt deutlich zum Ausdruck.
Die Stickerin sitzt etwas erhöht am Fenster, um das
einfallende Tageslicht zu nutzen. Erst um 1850 bekommen die
Städte Gasbeleuchtung, wobei die privaten Haushalte nach
den öffentlichen Plätzen und Straßen und den
Fabriken zuletzt einen Gasanschluss bekamen. Bis dahin dienten
Petroleum- oder Tranlampen, Kerzen und Kienspan als Leuchtmittel,
eine Beleuchtung, die zum Sticken nicht taugte. Gestickt wurde
also nur bei Tageslicht, denn nur so konnten die feinen Gewebe
fehlerfrei bestickt werden.
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In der Biedermeierzeit erlangten die Stickmustertücher
eine neue Funktion. Sie dienten um diese Zeit nicht mehr der
Tradierung von Mustern, die im Alltag zum Zeichnen und Verzieren
von Wäsche benötigt wurden, sondern wurden gerahmt
an die Wand gehängt, um Zeugnis vom Fleiß der Stickerin
abzulegen.
Die Tücher sind nun naturalistischer. Symbolisch Ornamente
und stilisierte Pflanzen werden abgelöst von flächigen
Blüten. Die Motivvielfalt schließt das Mystische
aus und ist leicht zu deuten. Landschaftliche Stimmungen,
Blütenfüllhörner und Blütenkränze
als Botschaften des Glücks, der Freundschaft und der
Liebe wurden unzählige Male gestickt.
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| Die Muster beginnen sich
in dieser Zeit immer mehr zu vereinheitlichen und verlieren
jegliche regionale Besonderheit, da von Berlin und Wien aus
durch die neuen Möglichkeiten der Lithographie kolorierte
Zeichnungen mit Stickmustervorlagen massenhaft vertrieben wurden.
Um 1850 wurden neu entdeckte tropische Pflanzen wie Fuchsien
und Gloxinien |
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in Europa zu Modeblumen,
Entsprechendes sah man auf den Stickmustertüchern. In Berlin
entstand ein ganzer Industriezweig, der sich mit der Entwicklung
und Produktion von Stickmustervorlagen beschäftigte. |
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Mit der Verfügbarkeit von gedruckten
Mustern aller Art erlosch die Funktion der Mustertücher
als Stickmustervorlage. Die Tücher verloren damit den Wert,
den sie über Jahrhunderte für ihre Besitzerinnen hatten. |
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| Zwei Entwicklungen beendeten
im 19. Jahrhundert die über 300jährige Geschichte
der Stickmustertücher. Neben dem bereits erwähnten
Vertrieb der gedruckten Stickmustervorlage als Massenware, kam
es 1872 in Preußen zu einer Vereinheitlichung des Handarbeitsunterrichts
an den Schulen. Auf bereits gesäumten Stramin wurden mit
türkischrotem Garn, von wenigen Ornamenten abgesehen, nur
noch Alphabete gestickt. Der Schwerpunkt des Unterrichts lag
in der Vermittlung der Arbeitstechnik und der |
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Disziplinierung der Mädchen, nicht aber
auf der Tradierung überkommener Muster. Die Muster stellten
nun keinen Wert an sich mehr dar. Das eigentliche Stickmustertuch
wurde 1918 ganz aus dem Handarbeitsunterricht verbannt, da
es den reformpädagogischen Bestrebungen der Weimarer
Zeit im Wege stand.
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Umso schöner ist es, das wiedererwachte Interesse an
den Mustertüchern und an den jahrhundertealten Mustern
zu beobachten. Wir hoffen, mit unserer Arbeit diesem Interesse
Vorschub zuleisten und die alten Muster davor zu bewahren,
in Vergessenheit zu geraten.
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*) Quellen und weiterführende Literatur:
Ulrike Zischka,
Stickmustertücher aus dem Museum für deutsche Volkskunde,
Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz,
Berlin 1978 – 3. Auflage
Irmgard Gierl,
Die schönsten Stickmustertücher aus alter Zeit,
Rosenheimer Verlag, 1993 – 3. Auflage
Christiane Gädtgens,
Norddeutsche Stickmuster aus Vierlanden,
Rosenheimer Verlag 1986
Clare Browne and Jennifer Wearden,
Samplers from the Victoria and Albert Museum,
V&A Publications, 1999
**) Muster und Zeichen gestickt
und gesammelt auf textilem Grund,
VGS Verlagsgemeinschaft St. Gallen, 1996, Seite 10
Gill Speirs and Sigrid Quemby,
A Treasury of Embroidery Designs
Charts and Patterns from the Great Collections
Westbridge Books, London 1985
Pamela Clabburn,
SAMPLERS - 2nd ed. - (The Shire
book), 1977, wiederaufgelegt 2002
Elfi Connemann,
Ein Vierländer Stickmustertuch
von 1826
in Ornamente 2/94
A. Meulenbelt-Nieuwburg, Irmgard Gierl,
Stickmotive aus alten Mustertüchern
Süddeutscher Verlag, 1984 – 2. Auflage
Stickmustertücher aus Altmark
und Prignitz
Katalog zur Wanderausstellung von 1995 bis 1997, u.a. in Osterburg,
Magdeburg, Perleberg, Stendal, Havelberg, Gemeinschaftsprojekt
des Museumsverbundes Altmark und der Museen Havelberg, Perleberg,
Genthin und Haldensleben, Hrsg. Kreisheimatmuseum Osterburg,
1995
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Sticken macht süchtig.
Und: Der Weg ist das Ziel.
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